Offener Brief an:

  • Boris Pistorius, Bundesminister der Verteidigung
  • Henning Otte, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages
  • Thomas Röwekamp, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses
  • Bettina Lugk, stellvertretende Vorsitzende im Verteidigungsausschuss
  • Sara Nanni, Obfrau und Sprecherin im Verteidigungsausschuss

Sehr geehrter Herr Minister,
Sehr geehrter Herr Wehrbeauftragter,
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schreibe Ihnen stellvertretend für die über 4.000 Interessierten und den über 500 Mitgliedern der Ungedient.de-Community.

Ungedient.de ist eine Online-Gemeinschaft, die sich für die „Ausbildung Ungediente” und den Weg in die Reserve der Deutschen Bundeswehr interessiert und engagiert.
Als Autor und Herausgeber des gleichnamigen Blogs sowie als Landesbeauftragter des VdRBw e. V. in Baden-Württemberg für die „Ausbildung Ungediente” bin ich
 Anlaufstelle für viele verzweifelte Staatsbürger, die die von Ihnen initiierte Zeitenwende im Kopf bereits vollzogen haben und ihren Dienst leisten möchten, jedoch bürokratischen Hürden, organisierter Faulheit und den Befindlichkeiten der Lehmschicht gegenüberstehen.

Es sind keine Einzelfälle /-schicksale, Herr Minister Pistorius, auch wenn man Sie dies glaubenlassen möchte!
(vergl. Miosga, Sonntag, 22. Juni 2025, 22:00 bis 23:00 Uhr vs. ZDF frontal.)

Die „Ausbildung Ungediente“ war und ist kein etabliertes Modell, sondern ein Initiativprojekt, das auf dem Engagement Einzelner basiert.
Ziel des Projekts ist es, den Heimatschutz personell auszubauen und Deutschland widerstandsfähiger bzw. kriegstüchtiger zu machen. Man könnte es auch als Crashkurs zum Reservisten bezeichnen, denn die eigentliche Ausbildung erfolgt nachgelagert in den HSch-Kompanien.
Durch den Unterstellungswechsel des Heimatschutzes zum Heer war die Hoffnung groß, dass gemeinsam mit dem SKA und dem BAPersBw (inklusive KarrCBw) alles in geregelte Bahnen gerät und nicht mehr jedes LKdo sein eigenes Süppchen kocht.

Die Entscheidungsträger des Heeres sehen in der Ausbildung offenbar wenig Potenzial und lassen die Heimatschutzregimenter kein Ausbildungspersonal bereitstellen.
So wird beispielsweise in Baden-Württemberg erst später mit der Ausbildung begonnen und in Rheinland-Pfalz sowie Berlin werden Lehrgänge zusammengestrichen.
Das Heer argumentiert, der Heimatschutz habe andere Aufgaben.

Mir ist durchaus bewusst, dass derzeit die Hoffnung groß ist, dass 18-Jährige durch eine Mailingaktion gewonnen und zu gut ausgebildeten Soldaten werden.
Und ich persönlich denke auch, dass selbst wenn nur eine Handvoll zusammenkommt, unser System in puncto Material, Infrastruktur und Personal bereits an seine Grenzen geraten wird – insbesondere, wenn wir den steigenden Ansprüchen dieser „Wehrpflichtigen” gerecht werden möchten. Ich bin weiterhin der Meinung, dass wir nicht um eine (wie auch immer gestaltete) Wehrpflicht herumkommen werden.
Nun zum Aber:

Mit der „Ausbildung Ungediente“ gewinnt die Reserve, insbesondere der Heimatschutz, hochmotivierte Kameradinnen und Kameraden, die auch tatsächlich auf dem Hof stehen und nicht nur auf dem Papier.
Die „Ausbildung Ungediente” ist ein Querschnitt der Gesellschaft und weder ein Widerspruch zur Wehrpflicht noch eine Konkurrenz dazu. Es kommen verschiedenste zivile Expertisen und Jahrgänge zusammen. Und darin liegt die eigentliche Stärke. (Das ist „Erwachsenenbildung“ – man muss hier niemandem erklären, wie man seine Schuhe bindet.)
Wer sich für die „Ausbildung Ungediente” entschieden hat und sich durch diese bürokratische Durchschlageübung gekämpft hat, steht mitten im Leben.
Ehem. Wehrpflichtige haben mit 20 Jahren andere Prioritäten im Leben als die Reserve (Ausbildung, Studium, Familiengründung usw.).
Ergänzend sei gesagt, dass Ungediente auch mit einem Feldlager oder einer sanierungsbedürftigen Turnhalle zufrieden sind und keine Stube 3000 benötigen.

(Ich denke, auf die GBO muss ich nicht näher eingehen. Bis der Glorifizierungseffekt bei den Kameradinnen und Kameraden einsetzt, sie ihre persönlichen Enttäuschungen überwunden haben und wieder motiviert sind, vergehen erst einmal ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte nach ihrem DZE. Und noch dazu müssen sie erst einmal mit ihrem Zivilleben zurechtkommen.)

Ich frage mich, was wichtiger sein kann als der Aufwuchs und die Befähigung von Kameradinnen und Kameraden zur Landesverteidigung und dass die Bundeswehr endlich wieder in der Mitte der Gesellschaft ankommt.
In vielen Teilen der Bevölkerung hat die Zeitenwende bereits im Kopf stattgefunden, doch beim BAPersBw sucht man sie weiterhin vergeblich.
Noch so dicke Marketingbudgets helfen hier nicht weiter – wir brauchen die Markenbotschafter (Mittler) im Freundeskreis und am Familientisch.

Abschließend noch ein paar ausgewählte O-Töne, von denen es unzählige weitere gibt:

  • Aus einem Berliner KarrCBw: „Also wir sind ans BAPersBw gebunden und die zuständige Abteilung wehrt sich mit allen Mitteln, euch einzusteuern. BMVg, Minister, Leitung BAPersBw sind beim persönlichen Austausch immer auf unserer Seite, genauso wie auf militärischer Seite GInspBw + Vertreterin + Kommandeur. Auch die Kompanien wollen unbedingt. Somit lässt sich sagen dass es zwischen Leitungs- und Ortsebene Kräfte gibt, die entschieden, auf militärischer und Verwaltungsebene, gegen diese Ausbildung vorgehen.“ und weiter: „Wenn wir irgendwie an öffentliche Stellen gehen, drohen uns persönliche Konsequenzen. Hr. K aus B hat das schon zu spüren bekommen und er ging nur zum GInspBw. Wir waren auch schon im Bundestag und wollten Termine beim Verteidigungsausschuss, alles blockiert.“
  • Interessent: „Da ich nach einem Jahr letztendlich nicht mal einen Schritt vorwärts gekommen bin, und das, obwohl immer die Rede davon ist, dass die Bundeswehr schnell aufwachsen muss und freiwillige benötigt werden, habe ich mich dazu entschieden, das Thema Ausbildung Ungedienter nicht mehr weiter zu verfolgen. Ich gebe mich dieser ersten Prüfung geschlagen…leider, weil ich hatte eigentlich echt Bock drauf.“

Bitte beantworten Sie uns die folgenden Fragen:

  1. Ist die Ausbildung Ungediente politisch gewollt? Und wenn ja, warum wird den interessierten Bürgern keinerlei Wertschätzung entgegengebracht?
  2. Wie werden das Heer, das SKA und auch das BAPersBw in die Pflicht genommen?
  3. Durch welche Maßnahmen stellen Sie sicher, dass die Ausbildungsvorhaben 2026 (und darüber hinaus), wie geplant durchgeführt werden? Stehen die nötigen Mittel bereit?
  4. Was kann getan werden, damit der Mehrwert der Ungedienten nicht nur in den Kompanien sondern auch von Entscheidungsträgern beim Heer anerkannt wird?
  5. Woran hängt es?

Daniel absolvierte die Ausbildung für Ungediente 2023 in Rheinland-Pfalz und ist mittlerweile in der 5./HSchRgt 3 beordert. Er arbeitete als Reservistendienstleistender in einer Projektgruppe des Territorialen Führungskommandos der Bundeswehr und engagiert sich als einer von zwei Beauftragten der Landesgruppe Baden-Württemberg des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr für die Ausbildung Ungediente. 2025 wurde er Vorsitzender der Reservistenarbeitsgemeinschaft Drohne MO. Daniel ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.

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